Selbstmörderfriedhof im Grunewald

Mitten im Grunewald kann man beinahe vergessen, dass man immer noch in der Großstadt ist. Still ist es hier. Mitten im Wald, nicht weit von Schildhorn entfernt, existiert ein einstiger „Schandacker“; der heutige Friedhof Grunewald-Forst. Bekannt ist er vor allem unter den Namen „Selbstmörderfriedhof“.
Dieser besondere Ort war Ziel meiner Wanderung. Mein Ausflug führt mich dabei quer durch den Grunewald Richtung Schildhorn. Der Friedhof liegt, vom S-Bahnhof Grunewald kommend, etwa auf gleicher Höhe wie der Teufelssee. Die markanten Bauten der Abhörstation der US-amerikanischen Streitkräfte auf dem Teufelsberg sehe ich in der Ferne,

besuche sie aber diesmal nicht.


Vor nahezu 200 Jahren, als die Kirche noch die Bestattung von Selbstmördern auf ihren Friedhöfen ablehnte, begruben Angehörige ihre Toten „wild“ auf einer Waldlichtung.
Wie lange der Friedhof im Grunewald-Forst bereits betrieben wird, ist unklar. Als die erste Bestattung 1900 offiziell vermerkt wurde, sollen bereits 800 Leichen dort begraben worden sein. Da die Havel eine ungünstige Unterströmung hat und in der nahe gelegenen „Bucht von Schildhorn“ einen Knick macht, wurden an dieser Stelle oft Wasserleichen an Land gespült. Nicht selten handelte es sich um Dienstmädchen, die von ihren Dienstherren geschwängert worden waren.…zu tief der Schmerz, zu groß die Scham, zu hoffnungslos ihre Zukunft…. wie viele Dienstmädchen sich ins Wasser der Havel stürzten ist bis heute nicht geklärt.

Inzwischen hat sich die stille Gemeinde von Jahr zu Jahr vermehrt und mancher Lebensmüde hat hier unter dem Schatten der immergrünen Föhren die Ruhe gefunden, die er im Leben vergeblich suchte.“ schrieb bereits 1894 Theodor Fontane über diesen Friedhof.

Fünf mannshohe russisch-orthodoxe Kreuze gleich am Friedhofstor erinnern an Gegner der Oktoberrevolution von 1917. Irgendwann zwischen 1917 und 1919 nahmen sie sich in der Havel das Leben und wurden am Schildhorn tot aus dem Wasser gezogen.
Um 1920, als „Groß-Berlin“ entstand und jeder Bezirk einen nicht-kirchlichen Friedhof bekam, wurde die Grunewald-Forst Bestattungsstätte ein offizieller Friedhof. Von nun an wurden auch „normale“ Bestattungen durchgeführt.

Nach den Weltkriegen wurden hier auch Opfer des Krieges; Soldaten, Zivilisten und Kriegsgefangene, beerdigt. In über 60 Einzel- und einem Sammelgrab liegen Opfer, die noch in den letzten Kriegstagen 1945 ums Leben gekommen waren.

Mit einem Ehrenstein versehen ist das Grab von Willi Wohlberedt, dem leidenschaftlichen Chronisten der Berliner Friedhofslandschaften. Ihm gefiel dieser versteckte Platz mit seinem Vogelgezwitscher am besten. Er ließ sich hier lange vor seinem Tod eine Grabstätte reservieren

Glücklicherweise ist man an diesen magischen, von Rhododendron und Efeu überwachsenen Ort, meist ein einsamer Besucher. Ab und an werden wohl Führungen angeboten, aber in Gesellschaft geht hier der Zauber verloren.
Sind einmal mehr Leute unterwegs, dann pilgern sie in der Regel zum Grab von Christa Päffgen, besser bekannt als Nico, Sängerin von Velvet Underground, Muse von Andy Warhol. Nach ihrer Beerdigung 1988 mussten die Förster mehrere Tage lang die Trauernden im Wald einsammeln, die, nicht mehr ganz nüchtern, dort umherlagen.

Das Land Berlin erwägt den Friedhof in ca. 50 Jahren zu entwidmen und ihn dann an die Natur zurückzugeben. All die Geschichten verlieren dann ihren Ort, an dem sie erzählt werden können und die Namenlosen verlieren die Reliquien, die an sie und ihre Schicksale erinnern.

 

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